Mittelalter II  - die Wüstung Marsleben

In der Grabungssaison 2004 konnten auf Fundstelle VII die Überreste der 
mittelalterlichen Siedlung „Marsleben“ freigelegt werden.

Geschichtliche Quellen

Zweimal in seiner Geschichte gerät die Siedlung in den Fokus königlicher und kaiserlicher Politik. Die seit 780 n. Chr. namentlich bekannte Siedlung „Marsleben“ war zur Zeit der ottonischen Kaiser und Könige die bedeutendste wirtschaftliche Versorgungseinrichtung des Machtmittelpunktes Quedlinburg. Bei den freigelegten Überresten der Siedlung handelt es sich um Gehöfte mit Steingebäuden und Brunnen, die Auskünfte über die Siedlungsstruktur geben. Die Befunde und Funde deuten darauf hin, dass Marsleben eine Siedlung mit stark wirtschaftlichem Charakter war. Es verfügte über ergiebige Steinbrüche, einen großen Waldbestand und Ackerflächen mit sehr fruchtbaren Böden, die hohe Erträge abwarfen. Die Siedlung war von einem großen Graben umgeben. Um 800 gehört das Dorf dem fränkischen Graf Hessi. Er stammt aus dem damaligen Herzogtum Franken (Gebiet des heutigen Hessen) und war wohl mit einer sächsischen Adeligen verheiratet. Es ist die Zeit eines großen machtpolitischen Umbruchs. Im Kampf um die Eingliederung der Landstriche westlich der Elbe in das Reich Karls des Großen steht Hessi auf der Seite des fränkischen Kaisers. Um 800 geht das Dorf als eine Art Gebühr für Hessis Totenmemoria (Totengedenken) an das Kloster Fulda über.
Auch 936 ist das Dorf wieder eine "Gebühr"; diesmal für die Totenmemoria einer sehr bedeutenden Persönlichkeit: des ersten ottonischen König Heinrich I. (919-936) (Bild rechts aus einer Handschrift des frühen 12. Jh.). In Auftrag seiner Witwe, der Königin Mathilde, gründet sein Nachfolger Kaiser Otto I., dem man später den Beinamen „der Große“ geben wird, das Stift Quedlinburg und stattet es umfangreich aus. Zur Ausstattung gehören auch die bedeutenden Einkünfte aus Marsleben.
Nach einer wechselvollen Geschichte am Nordrand des mittelalterlichen Quedlinburger Stiftsgebietes, wurde Marsleben im 14. Jahrhundert von seinen Bewohnern verlassen, die in das Neuendorf und auf den Marschlinger Hof nach Quedlinburg zogen. Bereits um 1400 wird Marsleben als Wüstung bezeichnet.


Wegenetz innerhalb der Siedlung


Geoelektrische Erkundung der Peterskirche,
deutlich zeichnet sich der Grundriss ab.

Archäologische Quellen

Die zukünftige Trasse der B 6n schneidet die Wüstung genau in der Mitte von West nach Ost, das erlaubt einen ungewöhnlich großen zusammenhängenden Einblick in die Strukturen der Siedlung. Neben ca. 4 ha Fläche, die erst im Juli 2005 vollständig ergraben sein werden, konnten geomagnetische und geoelektrische Prospektionsmethoden angewendet werden, mit denen zusätzliche ca. 5 ha Siedlungsfläche untersucht wurden. Die Gesamtgröße der Siedlung kann auf ca. 20 ha geschätzt werden.

Umfassungsgraben
An vier Stellen konnte ein Umfassungsgraben der Wüstung angegraben werden. Sein Verlauf liegt im Norden und Süden außerhalb des Grabungsgebietes. Der Graben ist 50-80cm tief und teilweise mit Kalksteinen aufgefüllt, die zu einer Innenmauer gehört haben dürften, welche einen Wall abstützte. 

Wegenetz
Aufgrund von Hinweisen auf Flurkarten des 19. und 20. Jh. sind Wegeführungen innerhalb und außerhalb von Marsleben bekannt. Die bisherigen Grabungen zeigten befestigte Wege innerhalb von Marsleben, die etwa 20-30cm unter der heutigen Oberfläche als kiesige, mit Bruchsteinen und Dachziegeln durchsetzte Horizonte von 1-2m Breite erscheinen (siehe Foto links oben). Außerhalb der Befestigung sind die Wege hingegen unbefestigt und von Fahrspuren durchzogen.

Peterskirche und Friedhof
Nördlich der Grabungsbereiche auf einer kleinen Terrasse liegt die Peterskirche von Marsleben, deren ungefähre Lage durch eine Altgrabung zu Beginn des 20. Jh. bekannt war. Bei dieser Grabung wurden ein frühmittelalterlicher Grabstein und zwei romanische Säulenkapitelle entdeckt, die sich heute im Schlossmuseum Quedlinburg befinden. Die Prospektionen im vermuteten Bereich erbrachten die genaue Lage und wahrscheinlich auch Teile der Umfassungsmauern des Friedhofes (Foto links unten).

Ministerialengebäude
Die weltliche Macht residierte vermutlich in einem etwa im Zentrum der Siedlung liegenden Ministerialengebäude, das bisher nur im Planum dokumentiert werden konnte. Es ist das bis jetzt  größte Steingebäude in Marsleben mit mindestens drei Räumen und Maßen von ca. 15x7 m sowie Dachziegelschutt in der Verfüllungsschicht. Die Ausgrabungen 2005 werden mit Spannung erwartet (
Foto rechts oben).

Weitere Steingebäude
Ca. 40 größere und kleinere Steingebäudefundamente und Keller, die zum Teil mit Steintreppenzugängen, Türangelsteinen, Türaufhängungen oder Öfen ausgestattet waren, konnten bisher freigelegt werden. Diese zeigen oft mehrere Bauphasen und sind zum Teil mit Brunnen in Verbindung zu bringen. An einigen Stellen lassen sich gehöftartige Strukturen nachweisen. Auch eine Anordnung in Reihen ist an einer Stelle dokumentiert. (Eine kleine Auswahl zeigen die Fotos rechts und unten).







Ein ausgefallener Befund gelang mit einem komplett 
erhaltenen Tonnengewölbekeller, von dem zwei 
schmale Gänge rechtwinklig abgingen, die in 
andere Keller führten. Die Gänge waren zum 
Teil mit Steinen gedeckt (Fotos links).


Blick durch den ausgeräumten Kellerraum

Grubenhäuser
Zu den Befunden der Steinhäuser kommen zahlreiche Grubenhäuser mit 10-20qm Grundfläche. Diese waren in den Boden eingetieft und mit vier mittig in den Seiten stehenden Pfosten zur Dach und Wandkonstruktion versehen. Sie dienten wahrscheinlich als Werkhütten ärmerer Bevölkerungsteile (Foto rechts).


Brunnen in einem Keller


Schuhrest in einem Brunnen




Eine Großzahl der Brunnen war mit größeren Spolien verfüllt, die offensichtlich verhindern sollten, dass sie wieder in Betrieb genommen werden konnten, was wichtige Rückschlüsse auf die Wüstwerdung von Marsleben zulässt

Brunnen
Bisher sind ca. 20 steingefasste bis zu 5m tiefe Brunnen ergraben worden. Meist lassen sich diese Brunnen bestimmten Gebäuden zuordnen. Offensichtlich sind immer wieder neue Brunnen gebaut worden, denn schon per Augenschein sind deutliche Unterschiede in der Bauweise der Brunnen auszumachen.

Einer der Brunnen war von der Sohle eines ungewöhnlichen Rundkellers aus abgetieft und schon im 12. Jh. aufgegeben worden (Foto links oben). Hier fanden sich Schleifspuren in der obersten Steinreihe der Brunnenfassung, die vermutlich von Stangen oder Seilen stammen, mit denen das Wasser heraufgezogen worden war.

In einigen der Brunnen, die zum Teil noch während der Grabung zur Brauchwassergewinnung genutzt werden konnten, fanden sich Lederreste, u.a. von Schuhen (Foto links), und andere organische Makroreste, deren Untersuchung noch aussteht.
Einige Brunnen waren auf zum Teil sehr gut erhaltenen Holzrädern gegründet, von denen eines bereits dendrodatiert werden konnte (Foto unten). Demnach wurde dieser Brunnen in der zweiten Hälfte des 13. Jh. angelegt.



Holzrad auf einer Brunnensohle


Die jüngsten Brunnen aus Marsleben sind im
Vergleich mit den älteren Brunnen sehr akkurat
gesetzt
.

Weitere Informationen zum Fundort Marsleben bietet der FUMO vom Januar 2005

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