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Eine "Gefahr für die Bevölkerung bestand zu keinem
Zeitpunkt"
oder: wie ein Chemiker am Landesmuseum zu zündeln begann...
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Es ist genau ein Jahr her: Zwei Wochen vor der Museumsnacht des Jahres 2000
kam dem Berichterstatter ein spontaner Gedanke, auf der Veranstaltung im Landesmuseum
vorgeschichtliche Beleuchtungstechniken vorführen zu wollen. Die
"zündende" Idee sollte Folgen haben. Die Mitarbeiter der
Restaurierungswerkstatt versprachen ihre Hilfe, und kurzerhand war die Aktion beschlossen
Sache: es musste doch ein leichtes sein, einige Exemplare vorgeschichtlicher
Beleuchtungskörper - Kienspanhalter, Öl - und Talglampen und Ampeln aus dem reichen
archäologischen Fundmaterial des Landesamtes nachzubauen und in der Museumsnacht als
stimmungsvollen "Special Effect" bieten zu können. Unter dem Titel
"Fettnäpfchen, Tranfunzeln und Armleuchter" war die Illumination schon
angekündigt, da traten völlig unerwartete Probleme auf.
Eine erste Nachfrage bei Archäologen und Mitarbeitern der Sammlung nach
entsprechendem Fundgut ergab nämlich nur nachdenkliches Stirnrunzeln und Äußerungen wie
" sicher gibt es da was, im Moment fällt mir da nur grad nix ein.."
Die anschließenden Suche, die sich schnell auf Publikationen zur
Realienkultur von Vorgeschichte und Mittelalters ausdehnte, auf historische bildliche
Darstellungen (etwa Tafelgemälden mit Darstellungen des Abendmahls, mittelalterliche
Tafelszenen etc), brachte kaum Licht in die "Dark Ages". Regional war die Suche
bereits auf den mittel-westeuropäischen Bereich ausgedehnt worden. Während der
mediterrane Raum seit der Antike mit Leuchtgeräten nur so übersäht ist, war es offenbar
diesseits der Alpen nachts "zappenduster", wenn man den fehlenden Bodenfunden
oder den Darstellungen der Malerei glauben will. Ausnahmen bilden lediglich die römisch
besiedelten Gebiete nördlich der Alpen, etwa Trier und Köln, wo in den Kulturschichten
der römischen Zeit Lampen aller Bauart, in ähnlich üppiger Menge wie im mediterranen
Raum, gefunden werden.
Eigentlich ein merkwürdiger Befund - in
unserer Fantasie, beispielsweise bezüglich des romantischen Mittelalters, geistern ja
märchenhafte Vorstellungen herum: die mit Kerzen und Kienspänen hell erleuchteten
"Rittersäle", in denen bis in die tiefe Nacht herein fröhlich gebechert wird,
"historische" Gaststätten mit von üppigem Kerzengebrauch wachsverkleckerten
Tischen usw.
Die Leuchten-Lücke im Fundmaterial könnte ein Beispiel dafür sein, dass auch die
Nicht-Existenz bestimmter Fundgattungen kulturhistorisch interessante Aussagen liefern
kann und einer wissenschaftliche Bearbeitung lohnt. Ein möglicher Ansatz dazu soll im
Kapitel
" Lux und Luxus, Hunger und Dark
Ages" angedeutet werden.
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Ist diese Jungfrau wirklich so klug, wie sie zu sein glaubt? (Kluge Jungfrau, aus dem Skulpturenzyklus "Die törichten und klugen Jungfrauen", Dom zu Paderborn) Bild: (c) Dr. Jörg Diekneite, Paderborn 2001
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Merkwürdig: selbst dort, wo mittelalterliche Künstler gezwungen waren, Lampen bildlich darzustellen, wie etwa bei den "törichten und klugen Jungfrauen", geben die dargestellten Lampen auf den ersten Blick weniger her, als man erwarten möchte. |
Einige spärliche Belege für vorgeschichtliches Leuchtgerät in Westeuropa ließen sich dennoch finden, und so konnte die Museumsnacht im Jahre 2000 neben antik-mediterranen Lampen auch durch ein paar "hiesige" Leuchten bereichert werden. Seitdem ist ein Jahr vergangen, und die intensive Suche nach archäologischen Belegen für Lampen aus Sachsen-Anhalt hat zu - allerdings sehr bescheidenen, und auch nicht ganz unumstrittenen - Ergebnissen geführt. Einige der "Funde" werden auf der Museumsnacht vom 19.-20. Mai in Rekonstruktion vorgeführt. Auch die Funktionsweise der Lampen aus der mediterranen und antiken Welt wurde weiter untersucht. Auch hier ergab sich manche Überraschung. Beispielsweise bei den römischen Lampen. Sie gehören eigentlich zu den bestuntersuchten Fundgattungen der klassischen Archäologie. Die Form ihrer Schnauzen, die Art des Dekors ist ein sicheres Hilfsmittel zur Datierung archäologischer Befunde. Wenn man allerdings solche Lampen immer wieder nachbaut, sie mit Olivenöl füllt, sie einfach anzündet und ausprobiert, stößt man immer noch eine Welt von kleinen Rätseln und Merkwürdigkeiten vor.
Vielen meiner Kollegen, insbesondere den
ArchäologInnen, habe ich für ihre fachliche als auch tatkräftige Unterstützung zu
danken, ohne die dieses Thema nicht einmal ansatzweise hätte aufgegriffen werden können.
Für die tatkräftige Mithilfe danke ich auch den Mitarbeitern der
Restaurierungswerkstatt, Christian Bagge, Heiko Breuer, Friederike Hertel und Hans-Joachim
Naumann, sowie den Schülern des Georg-Cantor-Gymnasiums Halle, Martin Seifert und
Patrick Fischer. Sie untersuchten im Rahmen des Unterrichtsfaches
"Wissenschaftlich-Praktische Arbeit" am Landesamt für Archäologie die
Physikalische Grundlagen vorgeschichtlicher Lampen und führen Messungen zur Energiebilanz
und Funktionsweise von Öl- und Fettlampen durch.
Bei der Lektüre dieser Seiten werden Sie häufiger auf offene Fragen als auf
ausgearbeitete Antworten oder zementierte Theorien stoßen. Die Bearbeitung des Themas ist
bisher nicht abgeschlossen. Zu Teilbereichen wird sie später erfolgen, in der üblichen
papierenen Form. Das Internet mit seinen interaktiven Möglichkeiten erschein mir jedoch
besonders geeignet, auch Diskussionsansätze vorzustellen, in der Hoffnung, auf ein
reges
"Feedback" zu stoßen.
Heinrich Wunderlich, Chemiker am Landesamt
für Archäologie Sachsen-Anhalt, Autor der Light-Kultur-Seiten des LfA)
Halle, 12. Mai 2001