Eine sehr seltene Sonderform der mittelneolithischen Keramik sind die Trichterbecher mit Innenösen. Die meisten dieser raren Objekte stammen eindeutig aus kultischem und/oder paganem Zusammenhang. Eines der frühesten Beispiele dieser Gefäße ist  bei Alsleben in einem Opferschacht der Baalberger Kultur gefunden worden (Döhle/Wagner/Weigelt 1992). Es datiert in die Zeit um 2700 v. Ch.

Ein ähnliches Exemplar fand sich in einem Galeriegrab in Calden (Hessen), weitere Exemplare stammen aus Mittelböhmen, Bayern, Niedersachsen und Oberöstereich.Der Trichterbecher aus Alsleben gilt als das älteste Beispiel dieser seltenen Gefäßform. Die Funktion dieses Gefäßtyps ist bislang nicht geklärt worden. Er eignet sich wegen seiner Innenösen nämlich für die meisten "gewöhnlichen" Zwecke kaum - ungeeignet als Vorrats- oder Trinkgefäß.

Deshalb sei hier als neue Theorie die These aufgestellt, daß es sich möglicherweise um eine Lampe handelt. In die Vorstellung, daß am Boden des Opferschachtes "Kulthandlungen" vollzogen wurden, paßt eine Lampe hervorragend, vielleicht ist sie sogar zwingend. Denn Licht spielt in allen bekannten Weltreligionen eine wesentliche Rolle. Zur Argumentation sei der Fall von hinten aufgerollt: Wie hätte eine Lampe anders konstruiert werden können?

Wir stellen uns vor: Ein jungsteinzeitlicher Töpfer erhält den Auftrag, eine Lampe  zu bauen. Die Lampe soll man aufhängen können -sei es für eine religiöses Fest oder für eine Kulthandlung in einer tiefen, dunklen Opfergrube. In den seltenen Fällen, wo man in seinem Umfeld künstliches Licht entzündete, nimmt man ein gewöhnliches Keramikgefäß, füllt es mit Fett, legte Dochte an den Rand und entzündete diese. Der besondere Wunsch, eine Lampe aufhängen zu wollen, stellt den Keramiker vor ein Problem.

Die Flammen der Lampe sollen möglichst gut nach unten strahlen - also können sie nur am Rand der Lampe brennen. Eine Flamme in der Mitte der Schale wäre widersinnig - sie würde nur nach oben strahlen, nach unten wird sie von der Lampenschale völlig abgeschattet. Niemand will kostbares Lampenfett verbrennen, um ein paar verrauchte Deckenbalken oder den Nachthimmel zu beleuchten.

Damit die Flammen  möglichst weit außen brennen und viel Licht nach unten abstrahlen, soll der Rand der Schale dünn und flach sein.  Gefäße zum Aufhängen haben gewöhnlich Ösen am Rand, durch die Stricke oder Lederriemchen gezogen werden.  Diese Lösung scheidet aus - die Dochte könnten verrutschen, und einen der Haltestricke entzünden.

 

 

 

Rekonstruktion des Trichterbechers aus  Alsleben, leer, Ansicht von oben

 

Deshalb bleibt nur die Aufhängung in der Mitte der Schale, d. H. die Ösen werden innen angebracht.  Noch immer hat die Schale einen Konstruktionsfehler: Sie befindet sich nicht im Gleichgewicht. Abhilfe:

der Schwerpunkt muß möglichst weit unter den Drehpunkt, den Ösen, zu liegen kommen. Die Lösung ist naheliegend: die Schale wird nun trichterförmig nach unten verlängert.

 

 

 

Der entstandene Schaft kann außerdem noch mit Steinen oder etwas Wasser gefüllt werden, nun ist die Aufhängung stabil. Das Ergebnis: Ein Trichterbecher mit Innenösen.

An einer Rekonstruktion des Objektes läßt sich demonstrieren, wie gut der Trichterbecher von Alsleben funktioniert. Damit ist die Lampenthese selbstverständlich nicht bewiesen, aber sie erscheint plausibel (vgl. Kapitel "Form und Funktion").