Auch bei den Kulturen der mittleren Periode der Jungsteinzeit läßt die Siedlungsplatzwahl auf eine unterschiedliche wirtschaftliche Bedeutung von Viehhaltung und Ackerbau schließen.

So wird bei den in der Altmark und im Jerichower Land beheimateten Kulturen wie der Alttiefstichkeramik- und der Elb-Havel-Kultur die Viehhaltung einen ungleich höheren Stellenwert eingenommen haben als der Ackerbau, der die Baalberger, Salzmünder und Bernburger Kultur des Mittelelbe-Saale-Gebiets wirtschaftlich bestimmt hat.

Die Alttiefstichkeramik dehnte ihr Siedlungsareal im Südosten auf das Zerbster Land aus und überschritt die Elbe bis hin zur Ziethe. Im Süden setzte sie auf das Gebiet südlich der Ohre über, nahm das Gebiet des Flechtinger Höhenzugs ein, folgte der Aller flußaufwärts und traf an der Ohremündung auf die Baalberger Kultur. Diese Expansion trieb die Alttiefstichkeramik- und die aus dieser hervorgegangene Walternienburger Kultur voran und drängte die Baalberger Kultur (Hutberg-Phase) bis an die Bode und die aus ihr erwachsene Salzmünder Kultur zunächst bis an die Wipper und dann weiter nach Süden zurück, bis sie schließlich infolge der Expansion der Bernburger Kultur als letztem Glied dieser Entwicklung gänzlich verschwand.

Monumentale befestigte Siedlungen der Baalberger und der Salzmünder Kultur könnten Zeugen dieser bewegten Zeiten sein. Sie nehmen Flächen von bis zu 64 ha ein.


 





Bernburger Kultur
Gewebereste vom "Spitzen Hoch" bei Latdorf


Salzmünder Kultur
Prunkäxte der Salzmünder Kultur
 

Walternienburger Kultur
Die Amazonenaxt von Walternienburg


 

Alttiefstichkeramik
Der reich verzierte Ösenbecher von Flötz


Elb-Havel-Kultur
Die Steinstele aus  Langeneichstädt


Baalberger Kultur
Gefäße aus einem jungsteinzeitlichen Grabhügel in Baalberge
 

 
 
 
     

Die Alttiefstichkeramik sowie die Walternienburger und Bernburger Kultur bestatteten ihre Toten in großen steinernen Grabkammern, den so genannten Megalithgräbern. Vermutlich manifestierte sich in ihnen die Macht der Sippen, die ihre Toten in den steinernen Mausoleen kollektiv bestatteten. Die Toten erfuhren in ihrer Funktion als Ahnen kultische Verehrung, da sie mit den Höheren Wesen unmittelbar in Verbindung standen und die Fruchtbarkeit der Felder und Viehbestände ihrer Nachkommen positiv (aber bei Vernachlässigung auch negativ) befördern konnten. Damit wurden die Megalithgräber zu heiligen Orten. Ob diese heiligen Orte zugleich Mittelpunkte waren oder an den Rändern der Siedlungsräume lagen, ist noch unbekannt. Ahnenkult manifestiert sich auch in den Menhiren ("langen Steinen"), die Grabhügel bekrönten und ein Symbol für die Fruchtbarkeit der Verstorbenen darstellten und zum anderen in den Steinstelen, in denen der Verstorbene ein unzerstörbares Abbild erhielt (Schafstädt, Lkr. Merseburg- Querfurt).

Elb-Havel-Kultur
Die Steinstele aus Schafstädt

 
 
 
     

Eine auf der Viehzucht basierende Wirtschaft besaß die mit der Bernburger und Elb-Havel-Kultur weitgehend zeitgleiche Kugelamphorenkultur, für die zudem mehrfach Rinderbestattungen bezeugt sind. Sie drang von Osten her in Sachsen-Anhalt ein und schob sich im Mittelelbe-Saale-Gebiet in die von der Bernburger Kultur nicht oder dünn besiedelten Gebiete vor. Eine Reihe von befestigten Siedlungen der Bernburger Kultur könnte darauf hindeuten, dass das Nebeneinander von Viehzüchter- und Bauernkultur nicht reibungslos verlief.

Kugelamphorenkultur
Ein Bernsteinkollier aus Dahlen